Quelle: https://www.ovmagazine.nl/2019/06/wunderline-versnelt-groningen-bremen-1117/

Für die Entscheidungsfindung in einem internationalen Projekt gibt es kein Konzept. Und darum war die Planungsphase für die Qualitätsverbesserung der Bahnverbindung Groningen-Bremen, der Wunderline, eine wahre Pionierarbeit. Ein Bericht von innen

Von Groningen aus liegt Bremen ungefähr genauso weit entfernt wie Amsterdam. Die Fahrzeit mit der Bahn nach Bremen ist jedoch viel länger: 2 Stunden und 43 Minuten im Vergleich zu 2 Stunden und 7 Minuten bis nach Amsterdam. Daher wäre es, auch angesichts der europäischen Ambitionen und der offenen Grenzen, nur logisch, die Fahrzeit zwischen Groningen und Bremen zu verkürzen. Als Initiator des Projekts Wunderline war sich die Provinz Groningen­bewusst, dass eine Realisierung nur dann möglich ist, wenn die Qualitätsverbesserung sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland eine breite Unterstützung findet und die Finanzierung auf beiden Seiten der Grenze geregelt wird.

Ambition mit Geschichte

Die Ambition einer guten direkten grenzüberschreitenden Verbindung ist nicht neu. Die Bahnverbindung vom niederländischen Hafenort Harlingen bis zur deutschen Grenze wurde 1863-1868 angelegt­, um eine gute Verbindung zwischen England und Norddeutschland zu ermöglichen. 1876 wurde die Bahnverbindung bei Ihrhove an das deutsche Schienennetz angeschlossen. In den darauf folgenden 100 Jahren wechselten die Endstationen ständig. Seit Mitte der 1980er Jahre endete die­ direkte Verbindung dann in Leer. Durch die Qualitätsverbesserungen an niederländischer Seite ist die Anzahl grenzüberschreitender Reisender ­seit 2006 stark gestiegen.

Von 2009 bis 2011 hat das Parlament der Provinz Groningen einige Anträge angenommen, um die Bahnverbindung Groningen-Bremen und die Erreichbarkeit mit der Bahn in der Grenzregion zu verbessern. Die Provinz hat 85 Mio. Euro für die Realisierung reserviert. Die niederländische Regierung hat 17 Mio. Euro zugesagt.

Deutsch-niederländische Organisation

Für die Planungsphase hat die Provinz 2012 eine Projektorganisation ­zusammengestellt, in der auch deutsche­ Partner einen Platz bekommen sollten. Die bestehenden Beziehungen zu drei deutschen Organisationen waren bereits gut. Der Landkreis Leer, die Indus­trie- und Handelskammer Ost-Friesland und Papenburg und die AG Ems waren bereit, sich an der Projektorganisation zu beteiligen. Im Laufe der Zeit haben sich auch Regierungs-, regionale und lokale Behörden, politische Parteien und Interessenverbände angeschlossen. Der Kern der Zusammenarbeit war immer der Aufbau von Vertrauen durch eine offene Haltung.

EU-Subventionen

2015 ging es dann plötzlich richtig schnell, ­als dem Projekt Wunderline als Flaggschiff-Projekt 8,3 Mio. Euro europäische CEF-T-Subventionen bewilligt wurden, um die Durchführbarkeit der Verbesserung der Verbindung zu untersuchen. Anfang 2019 musste die Planungsphase abgeschlossen sein. Dabei war es wichtig, dass die Verbindung in das Toekomstbeeld OV 2040 (Zukunftsbild ÖPNV 2040) der niederländischen Regierung aufgenommen wurde.

Gemeinsamer „Fahrplan“

Der deutsch-niederländische Lenkungsausschuss ­Wunderline hat sich im Juli 2016 zum ersten Mal getroffen. In dem Lenkungsausschuss sitzen­Vertreter des Landes Niedersachsen­, der Freien Hansestadt Bremen, des niederländischen Ministeriums­ für Infrastruktur und Wasserwirtschaft, der Provinz Groningen sowie von DB Netz und ProRail. Die Parteien haben ein gemeinsames Ziel formuliert: „Mit der Wunderline ­wird eine nachweisliche Verbesserung der sozioökonomischen Entwicklung der nördlichen Grenzregion ­realisiert. 2025 wird die Grenze nicht länger eine Barriere und die Bahn eine logische Alternative zum Auto sein. Dann wird es möglich sein, in etwas mehr als zwei Stunden mit einem emissionsfreien und innovativen Zug von Groningen nach Bremen und umgekehrt zu fahren.“ Dieses Ziel wurde in einem gemeinsamen offiziellen Plan„Spoorboekje“ (Fahrplan) formuliert, in dem auch der Weg hin zu einer Entscheidungsfindung und die Projektstrategie beschrieben werden.

30 Studien

In Bezug auf die Wunderline wurden rund 30 Studien­ durchgeführt. ProRail und DB Netz haben 48 Fahrplanmodelle untersucht, von denen nach einem Trichterverfahren vier übrig blieben. Ziel war es, ein Optimum ­aus Fahrzeitgewinn und notwendigen Investitionen zu finden. Herausforderungen waren die Erhöhung der Streckengeschwindigkeit auf zum Großteil moorigem Untergrund­ und die Einbindung eines geeigneten Fahrplans in die relativ langen Öffnungszeiten der Friesenbrücke.

Eine Kombination aus niederländischen und deutschen Forschungsagenturen hat, unter Berücksichtigung der Entscheidungsfindung in den Niederlanden, in Deutschland und in Brüssel, Studien zu der sozioökonomischen Verstärkung der Region, den Betriebskosten, dem Fahrgastpotential und soziale Kosten-Nutzen-Analysen ­durchgeführt­.

Vor der Wahl einer bevorzugten Alternative ­Anfang 2018 wurde als Beispiel eine soziale Kosten-Nutzen-Analyse (SKNA) nach niederländischer­ Systematik ausgearbeitet. In Deutschland ist für die Entscheidungsfindung eine Standardisierte Bewertung notwendig. Zu diesem Zweck wurde eine Quick-Scan-Analyse zur Untermauerung der Finanzierungsquelle, für die man sich in Deutschland entscheiden sollte, durchgeführt. Das war für unsere deutschen Partner eine neue, brauchbare Arbeitsweise. Dieser Quick Scan wurde außerdem verwendet, um ­den Bund vom gesellschaftlichen Nutzen der Wunderline zu überzeugen.

 Schrittweiser Ansatz

Der Lenkungsausschuss hat sich für einen schrittweisen­ Ansatz entschieden, um innerhalb des Projektes kurzfristig erste Erfolge und ausreichende Fortschritte erzielen zu können. Das Projekt durfte nicht an zu hohen Ambitionen scheitern, die unsere deutschen Partner hätten abschrecken können. Die Stärke des schrittweisen Ansatzes ist darüber hinaus, dass man durch übersichtliche Investitionen einen wesentlichen Fahrzeitgewinn erzielt. Nach der Realisierung eines Schrittes kann auch jeweils geprüft werden, wie die Fahrgastzahlen ­sich entwickeln, wie die sozioökonomische Entwicklung voranschreitet ­und wie die Entscheidungsfindung für den nächsten Schritt organisiert ­werden kann.

Engagement schaffen

Das Ziel lautete, an beiden Seiten der Grenze alle Organisationen und Personen, die Einfluss auf das Projekt haben, zu engagieren.  Es war von Anfang an deutlich, dass das Fahrgastpotential und die Fahrzeitverkürzung als Argument alleine nicht ausreichen würden, ­um umfassende Investitionen gesellschaftlich verantworten zu können. Darum haben wir gezeigt, dass die Bahnverbindung ­einen positiven Beitrag zu der sozioökonomischen Entwicklung in der nördlichen Grenzregion leistet. Die Intensivierung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf dem Gebiet von Arbeitsmobilität, Tourismus, Kultur, Bildung und Innovationen­ sowie die Verbesserung der Anschlussmobilität führen zu mehr Reisenden­ in der Grenzregion. Und mehr Reisende führen wiederum zu einer stärkeren sozioökonomischen Entwicklung.  Das sind wichtige Argumente, um eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen Interessen herzustellen. Dadurch ist in der Region eine breite Unterstützung entstanden.

In einem strategischen Umgebungsmanagementplan ­wurden alle möglichen Partner und Beteiligten und ihre Interessen aufgeführt. Die vier wichtigsten Themen:

  • Die Ausweitung eines Bahnprojekts, um die Region sozioökonomisch zu stärken.
  • Beschaffung von Finanzierung auf regionaler, ­nationaler und internationaler Ebene.
  • Sicherung der Unterstützung entlang der Strecke.
  • Schnelle Wiederherstellung der Friesenbrücke­. Ende 2015 wurde die Friesenbrücke über die Ems bei Weener durch ein Schiff irreparabel beschädigt. Dadurch ist bis 2024 kein direkter Bahnverkehr nach Leer­ möglich. Die Verhandlungen über eine passende Lösung und ein Beschluss in Deutschland haben viel Zeit gekostet und die Ambitionen des Projektes stark unter Druck gesetzt. So unglaublich es klingen mag, aber der Unfall mit der Friesenbrücke hat auch geholfen: die Bahnverbindung erhielt dadurch eine höhere Priorität auf der deutschen politischen Agenda. Und das führte zu mehr Aufmerksamkeit aus Berlin für die Wiederherstellung der Brücke und für die Wunderline. Durch die Teilnahme an der Taskforce Wiederherstellung Friesenbrücke bekam die Provinz schneller direkten Zugang­ zum Bund in Berlin.

Festlegung der Vereinbarungen Gesamtpaket

Am 7. Februar 2019 haben die Partner zum Abschluss der Planungsphase das „Gesamtpaket Wunderline“ unterzeichnet, womit das Projekt an beiden Seiten der Grenze förmlich festgelegt wurde. Diese Vereinbarung besteht aus drei Teilen.

Unfall Friesenbrücke: Pech oder Glück?

Die niederländischen und deutschen Partner haben intensiv zusammengearbeitet, um die Wunderline ­auf die Agenden der Verwaltungsbehörden zu bekommen­. Und wir haben regelmäßig ­die Zwischenergebnisse bekannt gegeben: das sorgt für mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung in der Region. Eins der wichtigen Zwischenergebnisse ­war, dass die Wunderline Ende 2017 in den Koalitionsvertrag von ­SPD-CDU in Niedersachsen aufgenommen wurde. Darüber hinaus haben EU-Parlamentarier ­sowie deutsche und niederländische Gemeinden und Interessenverbände aus der Region Erklärungen unterzeichnet, in denen sie die Bedeutung der Wunderline unterstreichen. Jedes Jahr fanden behördliche Treffen ­in Brüssel und in der Region statt, damit unsere Stakeholder ­die Anknüpfung an das Projekt nicht verlieren.

  1. „Kooperationsvereinbarung Realisierungsbeschluss“­, mit Vereinbarungen über den Fahrplan, die Finanzierung, die Planung und das Monitoring der ­Fortschritte der Vereinbarungen.
  2. „Absichtserklärung Anschlussmobilität“ der deutschen und niederländischen Gemeinden ­entlang der Strecke.
  3. „Gemeinsame Erklärung“, die die Bedeutung einer fortgesetzten grenzüberschreitenden Zusammenarbeit­ unterstreicht­.Darüber hinaus hat die niederländische Regierung am 7. Februar den Beitrag von 17 Mio. Euro definitiv zugesagt.

Wir sind stolz, dass dieses Projekt, das als regionale, niederländische Initiative angefangen hat, jetzt eine deutsch-niederländische Ambition ist und sowohl in Deutschland als auch durch die EU als ein Musterbeispiel für eine gelungene internationale Zusammenarbeit betrachtet wird.

Tjeerd Postma ist Projektleiter Wunderline

Marloes Kramer-Hammenga ist Umgebungsmanagerin Wunderline

Dick Bresser ist ehemaliger Projektleiter Wunderline

Weitere Informationen

Mehr Fahrgäste

Untersuchungen nach dem Fahrgastpotential haben ergeben, dass die Wunderline das Potential hat, täglich 1900 grenzüberschreitende Fahrgäste zu befördern.­ Das sind mehr als doppelt so viele im Vergleich zu den ca. 700 Fahrgästen, die vor der Sperrung ­der Friesenbrücke über die Grenze gereist sind. Außerdem werden mehr Fahrgäste erwartungsgemäß andere Teile der Strecke nutzen.  Eine derartige Zunahme ist auf grenzüberschreitenden Verbindungen, die verbessert werden, übrigens nicht unüblich. Die Verbindung Enschede-Münster verzeichnete zwischen 2001 und 2013 eine 92%ige Fahrgaststeigerung. Saarland-Lothringen ist zwischen 1997 und 2012 um 88 % gewachsen.

Friesenbrücke in 2024 fertig

Der Bund, das Land Niedersachsen und DB Netz AG haben sich gemeinsam für den Bau einer fast vollständig­ neuen Brücke an der Stelle der Friesenbrücke entschieden. Sie wird die größte Drehbrücke von Westeuropa. Die neue

Friesenbrücke wird 20 Minuten in der Stunde für den Schienenverkehr zur Verfügung stehen. Diese Zeit ist für den neuen Fahrplan und damit die Qualitätsverbesserung der Bahnverbindung mindestens notwendig. Ende 2024 muss die Brücke fertig sein. Dann ist auch die erste Bauphase für eine schnellere Bahnverbindung abgeschlossen.

Drei Bauphasen

  • Die 1. Phase ist die Verkürzung der Fahrzeit zwischen Groningen und Bremen von 2,43 Stunden auf 2,26 Stunden. Das erfordert Investitionen in Höhe von 53 Mio. € in die Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit und einen Ausbau der Bahnstrecke in den Niederlanden und Deutschland. Die Planung: Ende 2024 fertig, zusammen mit der neuen Friesenbrücke.
  • Die 2. Bauphase soll die Fahrzeit Groningen-Bremen weiter auf ca. 2,11 Stunden verkürzen und den Knotenpunkt Leer optimieren. Das erfordert Investitionen in Höhe von ca. 75 Mio. € in die Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit und einen Ausbau der Bahnstrecke in Deutschland. Planung: fertig 2030.
  • Nach 2030 folgt die 3. Bauphase mit der Einführung der direkten Bahnverbindung Groningen-Bremen mit einer Fahrzeit von 2,11 Stunden.

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